Die europäische Stadt im Anthropozän - Neue Trends in der Urbanität

Aktualisiert: 19. Juni 2019

Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung, steigende Lebenserwartung und Migration führen zur Urbanisierung mittlerer und kleinere Metropolregionen mit neuen Problemen und Lösungen für den Verkehr


Von Prof. Dr. Dieter Otten, UOS

Die am schnellsten wachsende Stadt in Deutschland ist nicht Berlin, nicht Hamburg, sondern Freiburg. Die Stadt in Breisgau hat etwa 230.000 Einwohner und liegt in einem metropolitanen Verdichtungsraum von rund 250.000 bis 300.000 Einwohner. Man darf begründet unterstellen, dass die überwiegende Anzahl der Menschen in Deutschland/Europa in Städten und zwar in Verdichtungsräumen leben (etwa 70 %). Ein Trugschluss wäre allerdings, wollte mal unterstellen, die meisten Europäer lebten in Millionenstädten, in Frankreich sind es etwa 18 %, in Deutschland nur 11 %. Menschen leben in mittleren und kleineren Großstädten beziehungsweise in den um sie herum liegenden Siedlung- und Wohngebieten, also das, was man peripher gelagerte metropolitane Verdichtungsräume nennt.


Nach der Projektion der Bevölkerungsstatistik bis zum Jahre 2080 (Europäisches Amt für Statistik, Eurostat) müssen wir davon ausgehen, dass der Trend zur städtische Lebensweise bis 2050 noch deutlich ansteigen wird. Dafür gibt es im Wesentlichen folgende Ursachen:


Erstens der tendenzielle Bevölkerungsrückgang. Bis Ende des Jahrhunderts pendelt sich der Geburtenzuwachs weltweit bei 2 Mrd. Menschen ein. Weltweit gehrt die gleichzeitige Zunahme der Bevölkerung hauptsächlich auf das Älterwerden der Menschen in Afrika zurück. In allen anderen Kontinenten, besonders in Europa, geht die Bevölkerung wegen der Zuwanderung aus anderen Kontinenten leicht zurück. Das betrifft den ländlichen Raum gleich zweimal, (a) weil die Bevölkerung abwandert und die Zuwmaderujn in ersten Linbied in Städte geht.


Zweitens die Versorgungs-Infrastruktur in kleinen Gemeinden und in ländlichen Räumen nimmt deutlich ab. Das gilt sowohl für Bildungseinrichtungen wie medizinische Versorgung.


Das macht, drittens, das Leben in diesen Räumen für ältere Menschen, aber gleichermaßen auch für junge Eltern zunehmend unattraktiv.


Viertens wird das Pendeln vom dörflichen/ kleinstädtischen Raum in die städtischen Zentren immer unattraktiver, je mehr sich das innerstädtische Leben verbessert - auch durch die Veränderungen, die der Online Handel bewirkt.


Fünftens ist davon auszugehen, das der Klimawandel bis zu einem gewissen Grad nicht mehr aufzuhalten sein wird. Das bedeutet, der Klimawandel wird schwerpunktmäßig den ländlichen Raum treffen und den Trend zur städtischen Zuwanderung vertiefen. Die Stadt wird in Zukunft immer mehr zu einem unerwarteten Überlebensraum. Das gilt übrigens nicht nur für Menschen, sondern auch für viele Tierarten.


Sechstens ist die Entwicklung der Lebensqualität in Millionenstädten rückläufig, der Mangel an Wohnungen und die Mietpreisentwicklung sind dafür ein wichtiger Grund. Die kleineren und mittleren Großstädte werden davon durch stärkere Zuwanderung profitieren.


Ältere Menschen und junge Familien zieht es daher aus verständlichen Gründen immer mehr in mittelgroße und kleinere Großstädte (worunter alle Städte ab 100.000 Einwohner gezählt werden) oder in Metropolräume mit noch kleineren Städten um diese »Mutterstädte« (denn das heißt das griechische Wort »Metropole« eigentlich).


Man kann daraus den berechtigten Schluss ziehen, dass Urbanisierung keineswegs (nur) die Wanderung in Städte mit Millionen Einwohner ist. Der Trend zur Urbanisierung folgt, zumindest in Europa, einem differenziertem Muster. Es trifft nicht die gesellschaftliche Realität, in der »Megacity« das Modell der Urbanisierung zu sehen. Die Zukunft ist nicht allein die utopische High-Tech »Future City«, auch nicht ihr dystopisches Gegenbild, Batman's Gotham City. Solche Städte repräsentieren in Europa nur einen kleinen Teil des Stadtlebens von morgen. Den weitaus größeren Raum dürfte die »ubitopische« (= über all vorkommende) kleinere bis mittelgroße Großstadt Europas sein, beziehungsweise der um sie herum gruppierten metropolitanen Verdichtungsräume. Anders als die »Mega-Metropole« hat die kleinere und mittelgroße urbane Zukunftsregion noch keine eingängige Chiffre: deshalb nennen wir sie »MESO-CITY«!


Historisch gesehen ist die große Millionenmetropole für Europa auch nicht so typisch wie in anderen Weltregionen. Seit dem zwölften Jahrhundert ist Europa von seinen tausenden von kleinen und mittelgroßen Städten geprägt, die sich über das ganze europäische Siedlungs-Territorium verteilen! Selbst die Mega Citys in Europa befinden sich mit durchschnittlich 3- bis 5.000.000 Einwohner weltweit im mittleren Segment. Neu ist allerdings, das in Zukunft mehr als Dreiviertel aller Menschen in Europa in Städten leben (vor 100 Jahren war es genau umgekehrt). Die nachstehende Karte von Europas Großstädten ab 100.000 Einwohnern beschreibt das anschaulich. Europa ist ein Kontinent der Städte-Pluralität:


#traum


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