Über die Meso-City aus der Sicht eines Stadtplaners

Aktualisiert: 6. Juni 2019


Marcus Rohwetter (Wirtschaftsredakteur der Zeitung DIE ZEIT) hat im Mai 2019 ein Gespräch mit Frank Osterhage, Raumplaner am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Dortmund, über die Zukunft der kleinere und mittleren Großstädte geführt. Das Interview konzentriert sich zwar auf Deutschland, stellt aber ein interessanter Beleg für das, worum es uns hier geht, um die Mittelstadt und ihre Attraktivität. Besonders interessant ist die Tatsache, dass Osterhage als empirischer Rauplaner spricht und gute Belege hat. Leider können wir das ganze Interview aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht wiedergeben. Es lohnt sich aber auf den folgenden Link zu klicken, der zu dem Interview führt:

https://www.zeit.de/2019/20/frank-osterhage-wohnort-landleben-wohnraum-kleinstaedte-metropolen

Die Hauptthesen von Osterhage in dem Interview lassen sich in den folgen Fragen (und seinen Antworten) zusammenfassen::


1. Warum ziehen Menschen in die Städte ?

»Menschen ziehen gern an Orte, zu denen sie einen Bezug haben. Sie sind dort aufgewachsen oder haben dort studiert, vielleicht kommt der Partner von dort. Gründe für die Anziehungskraft der großen Städte in den letzten Jahren sind die Akademisierung und die gestiegene Erwerbstätigkeit der Frauen. Wenn ein Paar gemeinsam einen Wohnstandort sucht und beide hoch qualifiziert sind, landen sie eher in einer städtischen Region mit einem großen Arbeitsmarkt. Dort vermuten sie eine größere Chance, zwei angemessene Arbeitsplätze zu finden. Aber davon abgesehen, ist Menschen noch etwas anderes wichtig.«


2. Warum sind Mittelstädte angenehm?

»Natürlich fragen sich viele, wo und wie sie für einen angemessenen Preis den Wohnraum bekommen, der ihrer Lebenssituation entspricht. Ein Single hat andere Ansprüche als ein Familienhaushalt. Mittelstädte werden auch deswegen als angenehm empfunden, weil sie überschaubar sind. Die Wege sind kurz, alles ist schnell erreichbar. Und was Bewohner besonders schätzen: die Möglichkeit zu spontanen Begegnungen. (...) Menschen gehen raus und treffen jemanden, den sie kennen. Sie reden kurz miteinander. Das ist vielen unglaublich wichtig. Aber dazu muss erstens überhaupt jemand draußen rumlaufen – es darf also nicht zu leer sein. Zweitens darf es aber auch nicht zu voll sein, weil sie dann vor allem fremden, ihnen nicht bekannten Personen begegnen. Das ist zum Beispiel in einigen Großstädten der Fall, in denen zudem viele Touristen unterwegs sind. Das kann von den Bewohnerinnen und Bewohnern als unangenehm empfunden werden.«


3. Welche Rolle spielt der Verkehr ?

»In den großen Städten gibt es Überlastungserscheinungen. Das hat mit den starken Zuzügen der vergangenen Jahre zu tun. Nicht nur Wohnraum ist knapp, man steht vielleicht auch ständig im Stau und findet keine Parkplätze. Aufgrund dieser Probleme weichen Menschen auf Umlandgemeinden im Speckgürtel aus, oder kleine und mittelgroße Städte werden als Wohnstandort interessanter.«

4. Das ist eine »Mittelstadt«?

»Der klassischen Definition zufolge liegt die Grenze bei 100.000 Einwohnern. Alles darüber gilt schon als Großstadt. Aber diese Grenze wurde vor rund 150 Jahren gezogen und ist nicht mehr unbedingt zeitgemäß.« (...) »Wir Raumwissenschaftler nennen das: polyzentrisches Städtesystem. In Deutschland gibt es eben nicht die eine Metropole, die alles dominiert. Das ermöglicht ökonomische Entwicklung im breiten Land. Die Vielfalt kleiner und mittlerer Städte kann ein riesiger Vorteil sein.«


5. Warum der Blick auf Berlin, München, Hamburg, Köln, Stuttgart, Düsseldorf und Frankfurt am Man (die Big Seven) in die Irre führt

»Die öffentliche Großstadt-Debatte der vergangenen Jahre bezog sich vor allem auf die sogenannten big seven (...) Auf die haben immer alle geschaut, ja. Aber in deren Schatten gibt es viele andere Städte, die sich sehr günstig entwickeln. (...) Die meisten Menschen wünschen sich eine Kombination von städtischen und ländlichen Qualitäten. Aber sie realisieren sie sehr unterschiedlich. Die Landlust zeichnet ein idealisiertes Bild des Landlebens, aber manchen reicht das schon als Naturbezug. Dann gibt es den Städter, der vom Balkon seiner Wohnung auf einen schönen Baum blickt und damit hochzufrieden ist. Anderen reicht es hingegen, dass die nächste Stadt 30 Minuten Fahrzeit entfernt liegt. Dafür möchten sie ein großes Grundstück, damit sie um ihr Haus herumlaufen können. Kleine und mittelgroße Städte sind da für viele Menschen eine gute Möglichkeit, urbanes und ländliches Leben miteinander zu kombinieren.«


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